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Vorlesen

Zusammenleben mit dem Wolf

Welche Fehler Sachsen-Anhalt beim Landesjagdgesetz vermeiden sollte

Über rund 150 Jahre war der Wolf in Deutschland ausgerottet - und fasst erst langsam wieder Fuß. Nach so langer Zeit müssen wir Menschen das Zusammenleben mit dem Wolf neu lernen. Das klappt mit fairer Unterstützung und mit Maßnahmen, die nachweislich wirken.

Die Rückkehr des Wolfs weckt bei vielen Menschen starke Gefühle. Manche freuen sich über eine Wildtierart, die in Deutschland lange als ausgerottet galt. Andere haben Angst um ihre Tiere und ihren Betrieb. Gerade Weidetierhalter erleben Risse als harte Belastung. Beides ist verständlich. Nach so langer Zeit müssen wir Menschen das Zusammenleben mit dem Wolf neu lernen. Das klappt am besten mit fairer Unterstützung und mit Maßnahmen, die nachweislich wirken.


Ein gutes Signal für die Natur – aber noch kein stabiles

Für den Naturschutz ist der Wolf ein positives Signal. Er gehört zu unseren heimischen Arten. Als großer Beutegreifer ist er Teil des natürlichen Gleichgewichts. Er beeinflusst auch, wie sich Wildtiere bewegen und wo sie fressen. Das kann Wälder und viele andere Tier- und Pflanzenarten indirekt entlasten.

Trotzdem ist der Wolf bei uns noch nicht „unverwundbar“. Die Bestandslage in Sachsen-Anhalt zeigt: Es gibt keine „Wolfsschwemme“. Im Monitoringjahr 2024/25 wurden 38 Territorien bestätigt. Das sind 31 Rudel, 5 Paare und 2 Einzeltiere. Die Zahl der Rudel ist dabei zum ersten Mal leicht zurückgegangen. Auch das besiedelte Gebiet ist erstmals etwas kleiner geworden. Gleichzeitig ist die Zahl erwachsener Tiere, die für Nachwuchs sorgen können, gesunken.

Hinzu kommt: Der Mensch ist für den Wolf weiterhin ein großer Risikofaktor. Im gleichen Monitoringjahr wurden 15 tote Wölfe erfasst. Darunter waren mehrere nachgewiesene illegale Tötungen.

Und auch beim Thema Nutztierrisse lohnt der Blick in die Zahlen. 2024/25 wurden 48 Schadensereignisse mit 159 getöteten Nutztieren gemeldet. Das sind immer noch zu viele, aber: Im Vorjahr waren es 63 Ereignisse mit 228 getöteten Tieren. Das ist ein Rückgang. Der Wolf war trotzdem weiter da.

Zwar sagen Kritiker dieser Statistik, der Rückgang liege an den hohen administrativen Hürden und dem geringen Nutzen einer Schadensmeldung. Doch dieses Argument gab es ja in den vergangenen Jahren auch schon – es kann einen Rückgang um rund ein Viertel nicht erklären.


Was die Novelle des Landesjagdgesetzes plant

Der Gesetzentwurf will den Wolf ins Jagdrecht aufnehmen. Außerdem ist eine neue Vorschrift geplant. Sie heißt „Sonderregelungen für den Wolf“ und steht als § 30a im Entwurf.

Das klingt nach „mehr Ordnung“. Es kann aber auch ein falsches Versprechen auslösen. Viele Menschen erwarten dann automatisch: „Wenn gejagt wird, gibt es weniger Risse.“ Genau diese Erwartung ist gefährlich. Denn sie lenkt von dem ab, was wirklich hilft: gutem Herdenschutz. Gerät der aus dem Fokus, kann das am Ende sogar zu mehr Schäden führen.


Warum Jagd die Probleme meist nicht löst

Es gibt einen breiten fachlichen Konsens: Gute Elektrozäune und Herdenschutzhunde sind die wirksamsten Mittel, um Risszahlen zu senken. Entscheidend ist, dass die Maßnahmen richtig aufgebaut sind und im Alltag funktionieren.

Die Praxis zeigt dagegen: Genau daran hakt es noch häufig. In vielen dokumentierten Fällen von Wolfsangriffen gab es keinen oder nur eingeschränkten Mindestschutz.

Und selbst der „Mindestschutz“ ist nicht immer der beste Schutz. Zu Standardzäunen von 90 cm sagen Fachleute schon lange: Das ist nicht die wirksamste Lösung. Empfohlen werden eher stromführende Zäune um 120 cm Höhe und zusätzlich ein Schutz gegen Unterkriechen.

Abschüsse von Wölfen ändern an diesen Schutzlücken nichts. Sie ersetzen keinen Zaun. Sie ersetzen keine Beratung. Und sie führen oft nicht zum Erfolg.

Denn Studien zeigen: Die Jagd kann Nebenwirkungen haben. Wölfe leben meist in Familienverbänden. Wenn erwachsene, jagderfahrene Tiere fehlen, kann das die Gruppe durcheinanderbringen. Dann kann sich das Verhalten ändern und die in der Jagd noch nicht geübten Jungtiere suchen einfachere Wege zur Beute. Der Effekt von Abschüssen ist stark vom Einzelfall abhängig. Manchmal bleibt alles gleich. Manchmal wird es sogar schlimmer.

Beispiel Frankreich: Untersuchungen dort zeigen, dass Abschüsse nicht automatisch zu weniger Übergriffen führten. Teilweise war die Wirkung klein und eine Entlastung nur kurz vor Ort spürbar. Teilweise änderten sich die Risszahlen kaum.

Die Lehre daraus ist eigentlich ganz einfach: Jagd ist kein verlässlicher „Schalter“, der Probleme abschaltet. Herdenschutz ist der Schlüssel.


Was Weidetierhalter in Sachsen-Anhalt wirklich brauchen

In Sachsen-Anhalt gibt es Förderung für Herdenschutz. Es werden Investitionen unterstützt, etwa Zäune, Zubehör, Untergrabschutz und zertifizierte Herdenschutzhunde. Das ist gut.

In der Praxis bleiben aber Hürden: Laufende Kosten werden über Pauschalen gefördert. Gleichzeitig gibt es Deckelungen. Viele Betriebe berichten, dass das Geld nicht reicht. Kleine und nebenberufliche Halter sind nicht überall gut abgedeckt. Dabei treten Schäden nicht nur bei Landwirten im Haupterwerb auf.

Und dann: Förderung allein genügt nicht. Guter Herdenschutz braucht auch fachliche Begleitung. Denn Schutz wirkt nur, wenn er richtig umgesetzt wird.

Wenn die Landespolitik hier nicht nachlegt, bleibt der Druck hoch. Und dann wächst am Ende die Enttäuschung. Das hilft niemandem.


Was der NABU Sachsen-Anhalt fordert

Der NABU setzt auf Lösungen, die im Alltag wirken. Und auf Regeln, die dauerhaft tragen.

  • Herdenschutz soll klar Vorrang haben. Prävention muss die erste Wahl sein.
  • Klare Mindeststandards für „wolfsabweisenden“ Schutz. Am besten in einer eigenen Verordnung. Dann wissen alle, was gilt.
  • Mehr Unterstützung für Beratung und Qualitätskontrollen. Schutz muss richtig aufgebaut sein. Dafür braucht es Fachleute und regelmäßige Begleitung.
  • Förderung so gestalten, dass sie in der Praxis trägt. Laufende Mehrkosten sollen wirklich abgedeckt werden. Deckelungen dürfen nicht zur Bremse werden.
  • Förderzugang öffnen. Auch kleine und nebenberufliche Betriebe sollen systematisch einbezogen werden.
  • Keine allgemeine Jagd auf den Wolf. Solange nicht eindeutig feststeht, dass die Population im großen Verbundraum stabil genug ist.
  • Entnahmen nur als letzter Schritt und in klar begründeten Einzelfällen. Nur wenn Herdenschutz nachweislich verbessert wurde und trotzdem wiederholt Schäden auftreten.

So kann Sachsen-Anhalt beides erreichen: besseren Schutz für Weidetiere und einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Wolf. Das ist der Weg zu mehr Ruhe in der Debatte. Und zu einem Miteinander von Mensch und Wolf, das wirklich funktioniert.


Die vollständige Stellungnahme des NABU-Landesverbands Sachsen-Anhalt zum Entwurf eines Vierten Gesetzes zur Änderung des Landesjagdgesetzes für Sachsen-Anhalt gibt es HIER.


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