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Wölfe in Sachsen-Anhalt: Stabiler Bestand – Verantwortung bleibt

Warum der NABU die Jagdpläne ablehnt und auf Herdenschutz setzt

Die aktuellen Zahlen des Wolfmonitorings zeigen: Die Population wächst nur noch langsam. Warum der NABU Sachsen-Anhalt gegen eine Aufnahme des Wolfs ins Bundesjagdgesetz ist und verbesserten Herdenschutz für Nutztiere fordert.

Ein Wolf steht in einer idyllischen, sonnigen und mit Tau bedeckten Landschaft.

Wolf in sonniger Landschaft - Foto: Heiko Anders

Neue Zahlen aus dem bundesweiten Wolfsmonitoring 2024/25 zeigen: Die Wolfspopulation in Deutschland stabilisiert sich. Bundesweit wurden in diesem Monitoringjahr 276 Territorien erfasst, davon 219 Rudel, 43 Paare und 14 territoriale Einzeltiere. In Sachsen-Anhalt sind – wie schon im Vorjahr – 38 Wolfsterritorien nachgewiesen worden; in 29 davon konnten Welpen bestätigt werden, insgesamt 132 Jungtiere.

Von einer „Explosion“ der Bestände kann also keine Rede sein. Die Ausbreitung stagniert auf einem Niveau, das dem Wolf seine ökologische Rolle ermöglicht, ohne das Gleichgewicht unserer Ökosysteme zu gefährden. Für den NABU Sachsen-Anhalt ist klar: Gerade jetzt, wo sich die Situation einpendelt, wäre es der falsche Zeitpunkt, den Wolf ins Bundesjagdrecht zu überführen.


Der Wolf ist Teil unserer Kulturlandschaft

Viele Menschen in Sachsen-Anhalt freuen sich über die Rückkehr des Wolfs – andere sind verunsichert oder haben konkrete Sorgen um ihre Tiere. Beides ist verständlich. Fest steht: Der Wolf ist heute wieder ein fester Bestandteil unserer heimischen Natur- und Kulturlandschaft. Nach seiner Ausrottung im 19. Jahrhundert hat er sich in den letzten Jahrzehnten seinen Platz zurückerobert.

Als großer Beutegreifer nimmt er eine wichtige Rolle im Ökosystem ein. Wölfe regulieren vor allem Reh-, Hirsch- und Wildschweinbestände. Das kann helfen, junge Bäume zu entlasten, Wälder widerstandsfähiger gegen Klimastress zu machen und langfristig die Jagd nachhaltiger zu gestalten. Ein gesunder Wolfsbestand ist also kein Gegensatz zu Waldumbau und Jagd – er ist Teil davon.


Geschützt – nicht wehrlos

Ein Wolf läuft durch einen sonnengefluteten Wald.

Wolf im Wald. Foto: NABU/Kathleen Gerber

Auf europäischer Ebene wurde der Schutzstatus des Wolfs unlängst herabgestuft. Das klingt nach „freier Bahn zum Abschuss“, ist es aber nicht. Der Wolf bleibt eine geschützte Art: Deutschland ist weiterhin verpflichtet, seine Population in einem günstigen Erhaltungszustand zu halten und darf Entnahmen nur in engen Grenzen zulassen.

Schon heute sind Abschüsse in Problemfällen möglich – etwa, wenn ein Wolf trotz fachgerechter Zäune und Schutzmaßnahmen wiederholt Weidetiere reißt oder ein gefährliches Verhalten gegenüber Menschen zeigt. Die rechtlichen Instrumente dafür existieren im Naturschutzrecht bereits. Was aus Sicht des NABU nicht notwendig ist: den Wolf zusätzlich ins Jagdrecht aufzunehmen und so eine reguläre Bejagung zu eröffnen.


Warum der NABU die Aufnahme ins Jagdrecht ablehnt

Manche politische Stimmen versprechen sich von der Jagd auf Wölfe weniger Nutztierrisse und mehr Sicherheit für die Weidetierhaltung. Doch die Erfahrungen aus anderen Ländern und wissenschaftliche Auswertungen zeigen: Eine generelle Bejagung senkt die Zahl der Risse nicht zuverlässig. Entscheidend ist, wie gut Herden geschützt sind – nicht, wie viele Wölfe im Umfeld geschossen werden.

Aus Sicht des NABU sprechen drei Gründe gegen die Aufnahme des Wolfs ins Bundesjagdrecht:

  • 1. Jagd ersetzt keinen Herdenschutz. Selbst in bejagten Wolfspopulationen bleibt technischer Herdenschutz notwendig, solange Wölfe in einer Region leben. Wer anderes verspricht, weckt Erwartungen, die sich nicht erfüllen lassen.
  • 2. Rudelstrukturen würden gestört. Wird „auf Verdacht“ in ein Gebiet mit Rissen hineingeschossen, ist keineswegs sicher, dass tatsächlich der verursachende Wolf getroffen wird. Im Zweifel werden mehrere Tiere getötet, Rudel zerschlagen – übrig bleiben unerfahrene Jungtiere. Konflikte zwischen Wolf und Mensch könnten so sogar zunehmen.
  • 3. Der Bestand ist weiterhin verletzlich. Die mitteleuropäische Wolfspopulation ist genetisch noch nicht stabil abgesichert; zugleich sterben viele Tiere im Straßenverkehr, durch Krankheiten oder illegale Abschüsse. In einer solchen Situation ist ein Ausbau der Abschussmöglichkeiten fachlich nicht zu rechtfertigen.

Kurz gesagt: Jagd mag nach einer einfachen Lösung klingen – sie löst die Probleme in der Praxis aber nicht.


Rudelstrukturen schützen – Konflikte verringern

Fünf Wölfe stehen an einer Wasserstelle im Wald.

Wolfsrudel an Wasserstelle. Foto: Heiko Anders

Wölfe sind hochsoziale Tiere. Ein Rudel ist in der Regel eine Familiengruppe aus Eltern und ihren Jungtieren. In stabilen Rudeln gibt es klare Aufgabenverteilungen, feste Streifgebiete und ein erlerntes Verhalten, das in der Regel Distanz zum Menschen wahrt und sich auf natürliche Beute konzentriert.

Werden in ein solches System wahllos Tiere herausgeschossen, fehlt plötzlich der erfahrene Leittier-Wolf, der Jagdstrategien „kennt“ und an die Jungtiere weitergibt. Die verbleibenden Tiere müssen buchstäblich neu ausprobieren, wo sie Beute finden – und testen dann auch ungeschützte Schafe oder Kälber. Genau deshalb warnt der NABU davor, Rudelstrukturen leichtfertig zu zerstören.

Gezielte Entnahmen einzelner, eindeutig identifizierter Problemtiere sind dagegen schon heute möglich – und aus NABU-Sicht auch sinnvoll, wenn alle anderen Maßnahmen ausgeschöpft sind. Entscheidend ist, dass jeder Eingriff fachlich begründet und rechtssicher erfolgt.


Herdenschutz: Der Schlüssel zur Koexistenz

Mit Tau bedeckte Landschaft der Glücksburger Heide

Landschaft der Glücksburger Heide. Foto: Martin Schulze

So ehrlich muss man sein: Jeder Riss ist einer zu viel für den betroffenen Tierhalter. Wer morgens auf die Weide kommt und ein gerissenes Schaf findet, erlebt das als Schock – emotional und wirtschaftlich. Der NABU nimmt diese Sorgen sehr ernst.

Gleichzeitig zeigen die Erfahrungen aus Wolfsgebieten in Sachsen-Anhalt – etwa in der Oranienbaumer oder der Glücksburger Heide – sehr deutlich: Dort, wo Weidetiere mit geeigneten Zäunen, Herdenschutzhunden und guter Betreuung geschützt werden, sinken die Konflikte spürbar. In vielen Fällen bleiben sie aus, obwohl Wölfe in der Nähe leben.

Aus Sicht des NABU braucht es daher vor allem:

  • verlässliche Förderung von Herdenschutzmaßnahmen, die die tatsächlichen Kosten abdeckt,
  • unbürokratische und schnelle Beratung für Tierhalterinnen und Tierhalter,
  • klare Regeln für Entschädigungen, wenn trotz wirksamer Schutzmaßnahmen ein Riss passiert,
  • eine konsequente Auswertung des Rissgeschehens, um aus Fehlern zu lernen und Schutzkonzepte weiterzuentwickeln.

Dort, wo konsequenter Herdenschutz umgesetzt wird, geht die Zahl der Risse nachweislich zurück. Das bestätigen sowohl die offiziellen Monitoringdaten als auch Erfahrungen aus der Praxis.


Illegale Tötungen: Ein ernstes Problem

Wolfsspuren auf sandigem Boden.

Wolfsspuren im NATURA-2000-Gebiet (Sachsen-Anhalt). Foto: Martin Schulze

Neben Verkehrsunfällen sind illegale Abschüsse heute eine der wichtigsten Todesursachen für Wölfe in Deutschland. Ein beträchtlicher Teil der tot aufgefundenen Tiere weist Spuren solcher Straftaten auf – mit vermutlich erheblicher Dunkelziffer.

Wer den Wolf „zur Jagd freigibt“, sendet in diesem Klima ein fatales Signal. Stattdessen braucht es eine klare gesellschaftliche und politische Haltung gegen illegale Verfolgung sowie genügend Kapazitäten bei Ermittlungsbehörden, um Täter zu ermitteln.


Wolf, Weidetier und Mensch gemeinsam denken

In Sachsen-Anhalt leben nach aktuellem Monitoring 38 Wolfsterritorien mit 31 Rudeln, 5 Paaren und 2 territorialen Einzelwölfen – Schätzungen gehen von etwa 300 Tieren aus. Unser Ziel als NABU ist nicht das Gegeneinander von Naturschutz, Jagd und Tierhaltung – im Gegenteil. Wir brauchen eine sachliche Debatte, in der die Bedürfnisse aller ernst genommen werden:

  • der Schutz einer heimischen Wildtierart,
  • die Zukunft der Weidetierhaltung als wichtiger Teil unserer Kulturlandschaft,
  • die Sicherheit und Akzeptanz der Menschen vor Ort.

Die neuen Monitoringzahlen zeigen: Der Wolf ist in Deutschland angekommen, sein Bestand wächst nicht mehr ungebremst, sondern stabilisiert sich. Gerade jetzt sollten wir nicht in jagdpolitische Symboldebatten verfallen, sondern das tun, was nachweislich wirkt: Herdenschutz stärken, Monitoring ausbauen, Problemfälle rechtssicher lösen und illegale Tötungen konsequent verfolgen.

Der Wolf ist kein Symboltier für Kulturkampf – er ist ein Wildtier, das nach Sachsen-Anhalt zurückgekehrt ist. Wenn wir bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, kann er bleiben. Und unsere Kulturlandschaft bleibt reicher – an Arten, an Erlebnissen in der Natur und an Zukunftschancen für eine wirklich naturnahe Landnutzung.


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