Pressemitteilung
Flüsse in Sachsen-Anhalt unter Niedrigwasserstress
Magdeburg, 5. August 2026
Die Niedrigwasserlage an Sachsen-Anhalts Flüssen verschärft sich. Besonders angespannt ist die Situation an der Elbe: Nach der aktuellen Einschätzung des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamtes Elbe könnten die Pegel in Barby und Magdeburg in den kommenden Tagen die bislang niedrigsten bekannten Wasserstände erreichen oder sogar unterschreiten. Auch an der Saale liegen Messwerte bereits unter den langjährigen mittleren Niedrigwasserständen.
„Die Pegelstände zeigen, unter welchem Stress unsere Flusslandschaften stehen“, sagt Jens Richter, Landesgeschäftsführer des NABU Sachsen-Anhalt. „Öffentlich wird Niedrigwasser häufig erst dann zum Thema, wenn die Schifffahrt eingeschränkt ist. Für die Natur beginnt die Krise jedoch deutlich früher.“
Niedrige Wasserstände und hohe Temperaturen führen dazu, dass sich Flüsse stark erwärmen und ihr Sauerstoffgehalt sinkt. Gleichzeitig werden Nähr- und Schadstoffe weniger verdünnt. Flache Uferbereiche und Nebenarme können vollständig trockenfallen und ihre Funktion als Kinderstube, Nahrungsraum und Rückzugsgebiet zahlreicher Arten verlieren.
Niedrigwasser gehört zur Elbe – Zeitpunkt und Dauer sind besorgniserregend
„Niedrige Wasserstände sind an der Elbe grundsätzlich nicht unnatürlich. Sie traten auch historisch nach langanhaltenden sommerlichen Trockenperioden auf“, sagt Katja Alsleben, Landesvorsitzende des NABU Sachsen-Anhalt. „Besorgniserregend sind heute jedoch der frühe Beginn und die Dauer solcher Phasen. Kritische Wasserstände zeigen sich bereits im Frühjahr und Frühsommer – zu einer Zeit, in der die Flusslandschaft eigentlich noch von den Wasservorräten des Winters und Frühjahrs profitieren müsste.“
Früher konnten ausgedehnte, regelmäßig überflutete Auen große Wassermengen aus den Frühjahrshochwassern aufnehmen und zeitlich verzögert wieder an die Elbe, ihre Nebenarme und das Grundwasser abgeben. Heute sind viele Auen durch Deiche vom Fluss getrennt. „Damit fehlt ein erheblicher Teil ihrer natürlichen Speicher- und Pufferfunktion. Geringere oder ausbleibende Schmelzwasserzuflüsse verschärfen die Lage zusätzlich“, so Alsleben.
Für Sachsen-Anhalt ist diese Entwicklung besonders kritisch. Das Land wird von großen Flusssystemen wie Elbe, Saale, Havel, Weißer Elster und Unstrut geprägt. Ihre Auen sind Lebensräume für eine vielfältige an die Jahresrhythmik des historischen Abflussregimes der Flüsse angepasste Flora und Fauna und zugleich natürliche Infrastruktur: Sie speichern Wasser, dämpfen Hochwasserspitzen, gleichen das lokale Klima aus und machen Landschaften widerstandsfähiger gegen Trockenheit.
Niedrigwasser gefährdet auch die Energiesicherheit
Die aktuelle Lage offenbart nach Auffassung des NABU auch eine bundesweite energiepolitische Verwundbarkeit. Atomkraftwerke sowie viele Kohle-, Gas- und Ölkraftwerke benötigen große Mengen Kühlwasser. Kohle und Mineralöl sind zudem auf störungsanfällige Transportketten angewiesen.
Wie real diese Abhängigkeiten sind, zeigen europäische Staaten mit einem hohen Atomkraftanteil. In Frankreich, wo 2025 rund 68 Prozent des Stroms aus Kernenergie stammten, mussten im Juli Reaktoren in Bugey und Golfech wegen zu hoher Temperaturen von Rhône und Garonne zeitweise abgeschaltet werden. In Ungarn, wo das Atomkraftwerk Paks annähernd die Hälfte der heimischen Stromproduktion liefert, musste die Leistung zuletzt mehrfach deutlich reduziert werden.
„Energiesicherheit entsteht nicht dadurch, dass wir uns erneut an wasserintensive Großkraftwerke und permanente Brennstofflieferungen binden“, betont Richter. „Die Erfahrungen unserer europäischen Nachbarn widerlegen die Behauptung, Atomkraft und fossile Energieträger seien besonders krisenfest. Widerstandsfähig wird unsere Energieversorgung durch einen konsequenten und naturverträglichen Ausbau von Wind- und Solarenergie, leistungsfähige Netze und Speicher sowie einen deutlich effizienteren Umgang mit Energie.“
Wind- und Solarenergie benötigen im laufenden Betrieb weder Kühlwasser noch fortlaufende Brennstofftransporte. Ihr Ausbau senkt daher nicht nur die Treibhausgasemissionen, sondern auch die Abhängigkeit der Energieversorgung von Niedrigwasser, überhitzten Flüssen und beeinträchtigten Schifffahrtswegen. „Der Ausbau muss beschleunigt, zugleich aber verbindlich naturverträglich gesteuert werden. Dazu gehören der Vorrang des Repowerings sowie die Konzentration der Photovoltaik auf Dächer, Parkplätze, versiegelte Flächen und bereits vorbelastete Räume“, so Richter.
Vom Krisenmodus zu einer vorsorgenden Wasserpolitik
Der NABU Sachsen-Anhalt fordert von der Landesregierung ein Sofortprogramm für einen widerstandsfähigen Landschaftswasserhaushalt. Dazu gehören insbesondere:
- die schnelle und vollständige Umsetzung der europäischen Wasserrahmenrichtlinie einschließlich einer ausreichenden Finanzierung,
- die Renaturierung von Flussauen und eine deutliche Vergrößerung natürlicher Retentionsräume, unter anderem durch Deichrückverlegungen und die langfristige Sicherung der dafür benötigten Flächen,
- die Wiedervernässung entwässerter Landschaften und der Stopp weiterer Entwässerung, beispielsweise durch den Verschluss nicht mehr benötigter Gräben sowie die Wiederherstellung von Teichen, Kleingewässern und zeitweise wasserführenden Senken,
- der Schutz und die Wiedervernässung von Mooren und Feuchtgrünland,
- die Prüfung, ob wasserintensive Gewerbe- und Industriebetriebe in Regionen mit einem kritischen Gebietswasserhaushalt überhaupt angesiedelt werden können,
- der konsequente und naturverträgliche Ausbau von Erneuerbare-Energien-Anlagen mit einer belastbaren Standortsteuerung, verbindlichen Artenschutzstandards und einem wirksamen Monitoring.
Darüber hinaus muss die Wiederherstellungsverordnung der Europäischen Union ambitioniert umgesetzt werden. Dafür geeignete Flächen sind in Sachsen-Anhalt dauerhaft zu sichern. Auf Bundesebene braucht es einen verbindlichen Rahmen, der Investitionen in Auen, Moore, naturnahe Flüsse und andere natürliche Wasserspeicher als Teil der öffentlichen Infrastruktur anerkennt.
„Wir müssen Wasser wieder länger in unseren Landschaften halten, statt es so schnell wie möglich abzuleiten“, fasst Richter zusammen. „Intakte Natur ist kein Luxus. Sie ist die Grundlage für biologische Vielfalt, eine funktionierende Wirtschaft, eine sichere Energieversorgung und damit für eine widerstandsfähige Gesellschaft.“
Pressekontakt
Jens Richter
Landesgeschäftsführer NABU Sachsen-Anhalt
Telefon: 0151 70671010
E-Mail: jens.richter@nabu-lsa.de
