Ostzieher, Westzieher?
Der Zug der Weißstörche
Storchenzug (Foto: Christoph Moning)
Anders als viele andere Zugvögel kann der Weißstorch diese Distanzen zurücklegen, indem er geschickt die Thermik nutzt – also warme Aufwinde –, um energiesparend zu segeln. Offene Wasserflächen wie das Mittelmeer meidet er, da dort kaum Aufwinde entstehen. Deshalb wählt der Weißstorch Zugrouten über das Festland.
Welche Zugrouten nutzen die Störche?
Je nach Herkunftsregion folgen Weißstörche zwei Hauptzugwegen:
- Störche aus West- und Südwesteuropa, dazu zählen auch die Störche aus den Bundesländern im Südwesten Deutschlands, nutzen meist die sogenannte Westroute. Sie führt über Frankreich, Spanien und die Straße von Gibraltar nach Westafrika – insbesondere in die Regionen um den Senegal und den Tschadsee.
- Ostziehende Weißstörche, die vor allem aus Nord- und Ostdeutschland, Polen, dem Baltikum und weiteren Ländern Osteuropas stammen, fliegen über den Bosporus und das Jordantal durch den Nahen Osten bis in den Sudan oder sogar bis nach Südafrika.
Zwischen diesen beiden Routen verläuft eine sogenannte „Zugscheide“, die Mitteleuropa durchquert – etwa entlang von Osnabrück, dem Kyffhäuser, der Regnitz und dem Lech. In dieser Zone entscheidet häufig schon die genetische Prägung mit darüber, ob ein Storch die westliche oder die östliche Route einschlägt.
Wann fliegen Störche los – und wann kehren sie zurück?
Der Herbstzug beginnt meist Mitte bis Ende August. Den jungen Störchen ist der Zugweg angeboren; sie machen sich oft ein bis zwei Wochen vor den erfahrenen Altvögeln auf den Weg. Sie ziehen in Gruppen und orientieren sich dabei zum Teil an Artgenossen. Für die bis zu 10.000 Kilometer lange Reise nach Südafrika benötigen die Vögel im Schnitt vier bis sechs Wochen, je nach Wetterlage und Nahrungsverfügbarkeit.
Der Frühjahrszug startet in Afrika im Februar. Die ersten Störche treffen je nach Region ab Anfang März in Deutschland ein, die meisten jedoch zwischen Ende März und Mitte April. In milden Jahren kann die Rückkehr auch etwas früher einsetzen.
Warum fliegen Störche nicht über das Mittelmeer?
Weißstörche sind Segelflieger und können über Land große Distanzen zurücklegen, ohne viel Energie aufzuwenden – Voraussetzung ist jedoch ausreichende Thermik. Über offenen Wasserflächen wie dem Mittelmeer entsteht kaum Aufwind. Deshalb wählen Störche längere, aber sicherere Landrouten über Gibraltar oder den Bosporus. Auf diesen Strecken können sie Aufwinde besser nutzen und sich in Gleitphasen erholen.
Wählen alle Störche dieselbe Route?
Telemetriedaten zeigen, dass es innerhalb von Brutpopulationen große Unterschiede geben kann. Manche Geschwisterpaare trennen sich auf dem Zug und folgen unterschiedlichen Routen – selbst wenn sie aus demselben Nest stammen. Auch einzelne Tiere wechseln zwischen West- und Ostroute, etwa wenn sie im Vorjahr ungünstige Bedingungen auf einer Route erlebt haben. Diese Beobachtungen machen deutlich, dass die Zugentscheidung zwar genetisch mitgeprägt ist, aber auch von individuellen Erfahrungen beeinflusst wird.
Welche Gefahren lauern unterwegs?
Die weite Reise ist nicht ungefährlich. Viele Störche verunglücken unterwegs, etwa durch Kollisionen mit Stromleitungen oder Windrädern. Besonders in stark verbauten Regionen kommt es immer wieder zu Todesfällen. Auch in den Überwinterungsgebieten sind Weißstörche Risiken ausgesetzt: In Teilen Afrikas werden sie illegal bejagt oder durch den Einsatz von Pestiziden vergiftet – etwa bei großflächigen Bekämpfungen von Wüstenheuschrecken mit dem inzwischen verbotenen DDT.
Zudem erschweren extreme Wetterlagen wie Sandstürme oder Dürreperioden die Reise. Manche Vögel sterben an Erschöpfung, wenn sie keine Rast- und Nahrungsplätze finden oder zu lange Strecken ohne Aufwinde überqueren müssen.
Warum ist die Forschung zum Storchenzug so wichtig?
Dank moderner Telemetriesender, die an einigen Störchen angebracht werden, können Wissenschaftler heute sehr genau verfolgen, wohin die Tiere fliegen, wo sie rasten und wo sie möglicherweise in Gefahr geraten. Der Storchenhof Loburg gilt als Pionier auf diesem Gebiet: Seit Jahren werden dort regelmäßig Störche mit GPS-Sendern ausgestattet, deren Daten anschließend ausgewertet werden.
Diese Erkenntnisse helfen nicht nur dabei, gefährliche Streckenabschnitte zu identifizieren, sondern ermöglichen auch gezielte Schutzmaßnahmen entlang der Routen – etwa durch den Ausbau sicherer Rastplätze oder die Umrüstung gefährlicher Stromleitungen. International arbeiten Organisationen wie die AEWA (Agreement on the Conservation of African-Eurasian Migratory Waterbirds) daran, den Schutz der Zugvögel auf allen Stationen ihrer Reise zu verbessern.
